
Eines der gravierendsten Probleme, mit dem sich die Neogräzistik in Deutschland konfrontiert sieht, ist das beinahe gänzliche Fehlen neugriechischer Sekundärliteratur in deutscher Sprache. Während sich in den letzten Jahren ein gewisser Fortschritt in der Übertragung neugriechischer Primärliteratur (insbesondere der Lyrik und erzählenden Prosa) ins Deutsche abzeichnet, geschieht dies kaum im Bereich etwa des neugriechischen Essays. Um den Anforderungen des Studiums der neugriechischen Literatur und Sprache zu entsprechen und auch das interessierte deutsche Publikum mit dem neugriechischen Denken vertraut zu machen, ist die kommentierte Ausgabe einer Sammlung repräsentativer griechischer Essays vom 18. bis zum 20. Jahrhundert vorgesehen. Der erste Band (»Reflexionen. Essays neugriechischer Autoren«), der 2005 in der Reihe »Münchener Schriften zur Neogräzistik« erschienen ist, versammelt Texte von Emmanouil Roidis, Kostis Palamas, Grigorios Xenopoulos, Tellos Agras, Giorgos Seferis, Takis Sinopoulos und Odysseas Elytis, welche die Kristallisation und Konsolidierung der literarischen Identität Griechenlands vom späten 19. bis zum 20. Jahrhundert bespiegeln. Der zweite Band (»Ideologie und Sprache«) soll Essays von Dimitrios Katartzis, Adamantios Korais, Dionysios Solomos, Markos Renieris, Giorgos Theotokas und Zisimos Lorentzatos beinhalten, die durch kritische Anmerkungen, ein kurzes Autorenverzeichnis und übersichtliches Vorwort bereichert werden.
Das Anliegen des Projekts ist die kommentierte Katalogisierung neugriechischer Literaturkritik des 19. Jahrhunderts. Die Zusammentragung und die bibliographische Erfassung dieser verstreuten, noch nicht verzeichneten philologischen Materialien soll das Erstellen eines unentbehrlichen Handbuchs zur Klärung von Begriffen und Fachtermini unterstützen. Genauso verbessert das Projekt die Möglichkeiten der theoretischen Annäherung an literarische Äußerungen der Vergangenheit, wie es auch die eventuelle zukünftige Redefinition der neugriechischen Kritik zu erleichtern vermag. Das Archiv der neugriechischen Literaturkritik definiert sich derart als ein Archiv in konstanter Erweiterung.Zu den verzeichneten Texten gehören Buchkritiken, Aufsätze in den Bereichen Literaturwissenschaft, Ästhetik, Poetik und Sprachgeschichte, Essays sowie Einleitungsnotizen, etwa in erstveröffentlichten Lyrikbänden oder Romanen, und relevante Theaterkritiken – dieses Material verdankt sich vornehmlich der Erforschung philologischer Periodika und Reihen des 19. Jahrhunderts. Die Analyse von Bucherscheinungen derselben Periode erweitert das Quellenmaterial zusätzlich; dazu zählen Einzelwerke und Hefte zur Literaturkritik und –wissenschaft oder zu Metrik und Sprache. Diese liegen ebenso exzerpiert und kommentiert vor wie kritische Bemerkungen und Kommentare aus Notizen, Vor- und Nachworten, Einleitungsessays, Studien über Autoren, Übersetzer oder Verleger und Berichte literarischer Wettbewerbe. Die Bibliographie soll 2009 in Buchform erscheinen und ab 2010 Interessenten auch als Datenbank zugänglich sein.
Bis heute bezeichnet »Hellas« im Deutschen das Griechenland der Antike, während es die Eigenbezeichnung des modernen Griechenlands ist. Dessen Bild ist bis in die 1960er Jahre hinein, auch in der direkten Begegnung und Vermittlung seitens deutscher Autoren, von der Winckelmannschen Antikensicht überlagert. Das Buch geht den Wegen der Annäherung an die fremde moderne Kultur und Literatur nach. Es erörtert die Voraussetzungen in Bildungs- sowie Wissenschaftsgeschichte und den Philologien, u.a. im George-Kreis. Kulturelle Vermittlung ist dabei im Kontext der politischen Beziehungen zwischen beiden Ländern gesehen. Für die Epoche ab 1933 bis in die 1960er Jahre hinein werden die NS-Kulturpolitik, Besatzung, Verbindung zum Widerstand des 20. Juli, weiter die Nachkriegsbeziehungen der deutschen Staaten zu Griechenland untersucht. Der Band legt dabei Grundlagen für eine in beiden Ländern weiterhin notwendige Gedächtnisarbeit. Eine Neubewertung der wichtigsten Mittlerleistungen zur griechischen Literatur hat an ihr teil, so die der ersten Poesie- und Erzählanthologien wie weiterer Übersetzungen der Werke von Konstantinos Kavafis, Nikos Kazantzakis, Stratis Tsirkas und anderen. Das Buch richtet sich an historisch, kulturgeschichtlich und literarisch interessierte Leser. Ihnen ermöglicht es einen interdisziplinär angelegten Einstieg in den Themenkreis. Beiträge von Jan Andres, Charikleia Bali, Danae Coulmas, Hans Eideneier, Gerhard Emrich, Hagen Fleischer, Rudolf Grimm, Frank-Rutger Hausmann, Dorothea Ipsen, Chryssoula Kambas, Phädra Koutsoukou, Marilisa Mitsou, Ulrich Moennig, Maria Oikonomou, Miltos Pechlivanos, Emilia Rofousou, Andrea Schellinger, Dieter Werner, Maria Zarifi.
Das E-Learning-Programm „Spracherwerb des Neugriechischen“ ist ein Online-Lernsystem für Studierende der Neogräzistik an der Freien Universität Berlin, der LMU München und der Universität Hamburg, das die traditionellen Formen des Sprachunterrichts ergänzen und das Studium des Neugriechischen intensivieren soll. Das durch die Berliner Neogräzistik (Prof. Dr. Miltos Pechlivanos, M.A. Bart Soethaert, Link) konzipierte und nun auch an der LMU München angebotene Projekt bietet eine große Vielfalt an Lern- und Übungsmaterialien zum selbstständigen Training der grammatisch-syntaktischen Fähigkeiten für die Sprachebenen A1, A2, B1 und B2 des gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen. Die digitale Lernplattform enthält multimediale Sprachmaterialien zu Phonologie, Morphologie, Syntax, Wortschatz, Textverständnis und Hörverständnis des Neugriechischen sowie Links zu zahlreichen freien elektronischen Quellen. Durch zahlreiche Übungen mit Lösungshilfen werden die Studierenden bei der Vorbereitung der Neugriechisch-Sprachkurse (A1, A2, B1, B2) und der Prüfungen für das Zertifikat zum „Nachweis von ausreichenden Griechischkenntnissen“ (Link) unterstützt.
Das E-Learning-Programm „Spracherwerb des Neugriechischen“ wurde im März 2010 mit dem „FU E-Learning Preis 2009“ ausgezeichnet.
Seit Oktober 2009 kann nun auch die Münchener Neogräzistik, durch die Einrichtung einer zusätzlichen Drittmittel-Stelle (Frau Lydia Galiti) zur Erweiterung des E-Learning-Angebots (Sprachniveau A1 und C1) beitragen. Ab dem Sommersemester 2010 haben auch die Studierenden der Neogräzistik und der Sprachkurse für Neugriechisch an der LMU freien Zugang zu der digitalen Lernplattform.